Achtung Bürgerwehr!

Derzeit findet mensch allerorten im Pfaffengrund Zettel an Laternenmasten geklebt. Der Text lautet (incl. aller orthographischen Fehler):

„ACHTUNG EINBRECHER im Pfaffengrund!!! Nachbarn Augen auf — schleichen, oder fahren vielleicht verdächtige Personen durch Ihre Wohngegend?? Lieber einmal zu viel die 110 rufen, als einmal zu wenig! Lasst uns alle zusammen halten und gegenseitig auf den Anderen aufpassen!! Riegel vor! Sicher ist sicherer.“

Der Pfaffengrund wird schon geraume Zeit von einer nicht enden wollenden Einbruchsserie geplagt, die die Polizei scheinbar nicht in den Griff bekommt. Verständlicherweise macht dies vielen Pfaffengrunder*innen Angst, so auch mir. Während eins früher durchaus auch schon mal für ein Schwätzchen bei Nachbar*innen sein konnte, ohne vorher Haustüre(n) und Fenster wie eine Festung zu verrammeln, sind heute Sorgen um die Unversehrtheit des eigenen Zuhauses — und damit der eigenen Privatsphäre — ständige Begleiter sobald eins die Wohnung verläßt.

Sicherlich gut gemeinte Reaktionen, wie die schon erwähnten Zettel an Laternenmasten oder auch vergleichbare Merkblätter der Polizei (die von der Baugenossenschaft Neu Heidelberg an ihre Mieter verteilt wurden), wirken da etwas verzweifelt. Einen Schritt weiter gehen einige Pfaffengrunder*innen, die sich via Facebook-Gruppe »Wir sind Pfaffengrund« ähnlich einer Bürgerwehr organisieren [Hinweis: Die FB-Gruppe≠Bürgerwehr, Angehörige der Bürgerwehr schreiben nur ebenfalls auf dieser Gruppe]. Auch das ist sicherlich gut gemeint und bei vernünftiger Durchführung wäre es durchaus auch eine von mehreren sinnvollen Möglichkeiten, der Situation zu begegnen. Aber auf Facebook Grenzschließungen und Abschiebungen von Menschen, die nicht zufällig hier geboren sind, zu fordern ist eben nicht vernünftig sondern rassistischer Populismus.

Auf Facebook werden nun Patrouillen verabredet und eins kann hoffen, daß die Einbrecher nicht mitlesen und so erfahren, wann die Bürgerwehr auf welchen Routen Streife gehen will. Mit dem Tragen von Warnwesten will die Bürgerwehr sicherstellen, von der Polizei nicht mit den Einbrechern verwechselt zu werden. So müssen die Einbrecher jetzt nur mit Warnwesten umherspazieren und werden erstmal für Bürgerwehr-Angehörige gehalten.

Das größte Kopfzerbrechen bereiten mir aber nach wie vor die Kriterien, unter welchen sich Menschen nach dem Weltbild der Bürgerwehr verdächtig machen. Ich fürchte, die folgende Liste wird für manche Mitglieder der schon erwähnten Facebook-Gruppe eine herbe Enttäuschung sein:

  • Fremde Gärten zu betrachten macht Menschen nicht automatisch zu Verdächtigen.
  • Die Benutzung von Mobiltelefonen und vergleichbaren Medien auch nicht.
  • Das Bewohnen (selbstausgebauter) Wohnmobile erst recht nicht.
  • Nachts wach und vielleicht sogar auf der Straße zu sein ebenfalls nicht.
  • »Südländisches« Aussehen schon gar nicht!

Wenn nun jedesmal, wenn jemensch etwas »verdächtig« vorkommt, die Polizei alarmiert und so an der Ausübung ihrer eigentlichen Aufgaben behindert wird, so hilft das nur den Einbrechern. Und die Bürgerwehr muß sich die Frage gefallen lassen, wessen ein Mensch verdächtigt wird, das es rechtfertigt, ihm nächtens durchs Fenster seines Wohnmobils ins Gesicht zu leuchten, ohne hinterher wenigstens um Entschuldigung zu bitten.

Werden sich die Bürgerwehr-Angehörigen auf die Dauer damit zufrieden geben, bei Verdacht die Polizei zu informieren? Ich wurde vor wenigen Wochen Zeuge einer Prügelei in einem Imbißrestaurant bei welcher die Wirtin und eine Person verletzt wurden. Auf Bitten der Wirtin versuchte ich die Polizei zu alarmieren. Zunächst wählte ich die 110, das Gespräch wurde aber nicht entgegengenommen. Daraufhin versuchte ich es mit der Durchwahl des zuständigen Polizeireviers. Nach einiger Zeit wurde das Gespräch entgegengenommen, allerdings wurde ich unwirsch abgewiesen. Ich solle nicht wegen solch einer Lapalie gleich die Polizei rufen, sie hätten auch so genug zu tun. Wenn eine zweifache Körperverletzung laut Polizei eine Nebensächlichkeit und keinen Einsatz wert ist, warum sollte die Sichtung verdächtiger Personen dann das Entsenden einer Polizeistreife rechtfertigen?

Was werden die Bürgerwehr-Angehörigen tun, wenn sie feststellen, daß die Polizei mangels Kapazität oder auch einfach mangels begründeten Verdachts nicht kommt? Wie lange wird es dauern, bis sich die Gerichte mit dem ersten Fall von Selbstjustiz beschäftigen dürfen?

Ich habe Angst vor Einbrechern aber noch mehr fürchte ich eine entfesselte Bürgerwehr. Mein Schutz soll nicht als Ausrede dafür herhalten müssen, daß unschuldige Menschen belästigt werden.

Bitte paßt auf Euch auf und kümmert Euch auch um Eure Nachbarschaft, denn auch ein gute nachbarschaftliche Beziehungen machen Einbrechern das Leben schwerer.


Update 19.10.14: Inzwischen gab es mehrere Vorfälle (außer den von mir bereits geschilderten), bei denen Menschen von der Bürgerwehr teils massiv belästigt wurden. Auch innerhalb der FB-Gruppe wird nun Kritik an dem Verhalten der Bürgerwehr geäußert.


Artikel in der Rhein-Neckar-Zeitung zur Pfaffengrunder Bürgerwehr

Beitrag im SWR zur Einbruchsserie und der Bürgerwehr im Pfaffengrund

Jedermann-Paragraph, Jedermann-Festnahme, Eingriffsrecht für Jedermann, Selbsthilfe, Notwehr

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